Fabian Schaub

Blog · Trennung · 6 Min. Lesezeit

Streit in der Beziehung wegen Kleinigkeiten: Worüber ihr wirklich streitet

Euer Streit in der Beziehung wegen Kleinigkeiten hat einen Grund: eine alte Verletzung, die ihr beide tragt und bisher nicht gesehen habt.

Von Fabian Schaub · 3. September 2026

Dienstagabend, halb acht. Die Spülmaschine ist voll, keiner räumt sie aus. Kein großes Thema, eigentlich. Und trotzdem steht ihr zehn Minuten später in der Küche und die Stimmen sind lauter, als das Thema es rechtfertigt. Hinterher fragt ihr euch beide, wie aus einem Geschirrspüler ein Abend werden konnte, an dem ihr euch fremd wart.

Streit in der Beziehung wegen Kleinigkeiten ist nie Streit über die Spülmaschine. Ihr streitet über das, was jeder von euch als Kind nicht bekommen hat, und Kommunikationsregeln erreichen diese Ebene nicht. Deshalb wird es kurz besser und kippt wieder.

Worüber ihr wirklich streitet

Die kurze Antwort: Ihr streitet nicht über die Spülmaschine. Ihr streitet über das, was jeder von euch als Kind nicht bekommen hat, und das trägt jeder von euch in eine neue Beziehung hinein. Die Kleinigkeit ist nur der Auslöser. Das eigentliche Thema liegt tiefer, und genau deshalb wirken Kommunikationsregeln bei diesem Streit so oft ins Leere: Sie behandeln den Auslöser, nicht die Wurzel.

Peter, Susi und das Muster dahinter

In der Ausbildung arbeiten wir mit einem Lehrbeispiel, das dieses Muster sauber zeigt. Peter ist Feuerwehrmann, kräftig, laut, auf jedem Fest der Erste, der die Runde bezahlt. Susi arbeitet in der Bibliothek, ist zurückhaltend, gibt wenig von sich preis. Auf den ersten Blick ein Gegensatzpaar. Im Kern sind beide dasselbe: verhungerte Kinder, die als Erwachsene früh gelernt haben, dass zu wenig da ist. Peter kompensiert mit Fülle, Susi mit Verzicht.

Am Anfang zieht sie das genau deshalb zueinander. Nach einigen Monaten beginnt der Streit, und zwar über die Aspekte, die jeder in sich selbst noch nicht gesehen hat, aber im anderen sofort erkennt. Bei Peter und Susi ist das die Frage, wie viel genug ist. Bei euch kann es die Spülmaschine sein, das Handy beim Essen, die falsche Reihenfolge beim Kofferpacken. Das Thema wechselt, das Muster bleibt.

In der Ausbildung nennen wir das Kollusion, ein Begriff für zwei Menschen, die sich über dieselbe verdrängte Verletzung finden und das gemeinsame Thema dann als Paar teilen, jeder von seiner Seite aus. Drei solche Themen sind aus der Ausbildung bekannt: eine Beziehung, die nur noch performt, ein Ringen um Macht und Autonomie, ein Streit ums Versorgtwerden. Ein viertes Thema gibt es zusätzlich, es wurde in der Ausbildung bislang nicht näher benannt. Welches Thema bei euch trägt, entscheidet nicht der Streitanlass, sondern das, was in jedem von euch dabei passiert.

Daniel sagt: „Wer findet das wieder? Jemand mit der gleichen Macke. Geht gar nicht anders."

Die Adresse liegt in den ersten sieben Lebensjahren

Das Muster, das bei der Spülmaschine hochkommt, ist nicht neu erfunden. Es hat eine Adresse: die ersten sieben Lebensjahre. In dieser Zeit lernst du, ob Vertrauen sicher ist, ob genug für dich da ist, ob du Macht und Autonomie haben darfst, ob Leistung der Preis für Anerkennung ist. Was dort zu kurz kam, meldet sich später wieder, und zwar nicht als Erinnerung, sondern als Reaktion, die zu groß für den Anlass wirkt.

Wichtig ist die Grenze dabei: Du kannst nicht vom Streitthema auf die Phase zurückschließen. Ein Streit ums Geld sagt nicht automatisch, welches Thema dahinter steckt, und ein Streit um Nähe genauso wenig. Was zählt, ist dein eigenes Erleben in dem Moment, in dem der Streit kippt. Fühlst du dich übergangen, machtlos, nicht gesehen, nicht versorgt? Das ist die Spur, der du folgst, nicht das Thema selbst.

Was der Körper zuerst weiß

Bevor ein Satz fällt, ist die Spannung schon da. Hör nicht auf die Worte, hör auf die Spannung, das sage ich in der Ausbildung immer wieder, weil die Worte selten stimmen, wenn es eng wird. Du sagst „schon okay", während dein Kiefer sich zusammenzieht. Dein Partner sagt „ist doch egal", während die Stimme eine Oktave höher rutscht. Die Spülmaschine ist der Vorwand, den der Körper sich sucht, um etwas loszuwerden, das schon länger drückt.

Genau das macht diese Streits so anstrengend. Ihr verhandelt an der Oberfläche über die Spülmaschine, während unten längst etwas anderes läuft. Wer das erkennt, muss den Streit nicht gewinnen. Wer das erkennt, kann fragen, was gerade wirklich in Bewegung ist.

Warum ihr beide recht habt und trotzdem festsitzt

Das Unangenehme an diesem Muster: Es reicht nicht, dass einer von euch beiden versteht, was passiert. Kollusion ist eine Sache zu zweit. Beide halten das gemeinsame Thema geschlossen, jeder auf seine Art. Der eine zieht sich zurück, der andere wird lauter, und beide bestätigen sich damit gegenseitig, dass ihre alte Erfahrung stimmt: Ich bekomme nicht genug, oder ich muss alles allein tragen, oder ich werde übersehen.

Deshalb hilft es wenig, nur dem anderen zu erklären, was er falsch macht. Die Frage, die weiterbringt, ist eine andere: Welchen Aspekt an mir sehe ich hier gerade nicht, den ich bei meinem Partner sofort sehe? Was mich an ihm besonders stört, zeigt oft genau die Stelle, an der ich selbst noch nicht hingeschaut habe.

Was du jetzt tun kannst

  1. 1Schreib den letzten Streit auf, der wegen einer Kleinigkeit eskaliert ist. Notier nur den Anlass, nicht die Schuldfrage.
  2. 2Frag dich, was du in dem Moment gefühlt hast, bevor du reagiert hast: übersehen, machtlos, nicht genug, nicht gehört. Ein Wort reicht.
  3. 3Sprich das Gefühl beim nächsten Mal direkt aus, bevor die Kleinigkeit zum Thema wird. „Ich fühle mich gerade übergangen" trägt weiter als jeder Vorwurf über die Spülmaschine.

Wenn der Streit schon eskaliert

Manche Paare kommen über diesen Punkt hinaus, sobald sie das Muster sehen. Andere stecken tiefer drin, mit einer Eskalation, die sich von allein hochschaukelt, oder mit der Frage, ob sie überhaupt noch zusammenbleiben wollen. Das ist der Moment, an dem Coaching an seine Grenze kommt und Paartherapie beginnt. Mein Kollege Daniel Doray, Paar und Familientherapeut, mit dem ich gemeinsam die Ausbildung leite, arbeitet genau mit diesem Punkt: wie ihr aus der Eskalationsspirale aussteigt und, wo es um Paartherapie im engeren Sinn geht, direkt mit euch beiden. Ich bin Coach, kein Therapeut, und Coaching ist keine Therapie und kein Ersatz für ärztliche Behandlung.

Mehr zu den Grundlagen, die hinter jedem Muster stehen, findest du in der Community Beziehungsdynamiken. Wie Geld und Streit dieselbe Wurzel teilen, liest du im Beitrag über Streit um Geld in der Beziehung. Was Kollusion genau bedeutet und woher der Begriff kommt, steht im Beitrag Kollusion in der Beziehung. Einen Überblick über alle Beiträge zum Thema Trennung findest du im Hub Trennung.

Häufige Fragen

Warum streiten wir immer wieder über dieselben Kleinigkeiten?

Weil die Kleinigkeit nicht das eigentliche Thema ist. Sie ist der Auslöser für ein Muster, das beide Partner aus der eigenen Kindheit mitbringen. Solange das Muster nicht gesehen wird, taucht es bei jedem passenden Anlass wieder auf, egal wie oft ihr über die Spülmaschine redet.

Ist es normal, dass sich kleine Dinge so groß anfühlen?

Ja. Die Größe der Reaktion sagt nichts über die Größe des Anlasses, sondern über die Spannung, die vorher schon da war. Wenn eine Kleinigkeit dich überproportional trifft, lohnt sich die Frage, welches Gefühl in dem Moment wirklich aktiv war.

Hilft es, Streit einfach zu vermeiden?

Nein. Vermiedener Streit verschwindet nicht, er verlagert sich. Was du zurückhältst, kommt beim nächsten Anlass wieder, oft heftiger. Der Weg führt nicht über weniger Ausdruck, sondern über ehrlicheren, früheren Ausdruck.

Coaching ist keine Therapie und kein Ersatz für ärztliche Behandlung. Was ich hier beschreibe, sind Muster, wie ich sie in der Arbeit mit Menschen und an mir selbst sehe. Ich kann dir keine Heilung versprechen. Und keine Beziehung.

Fabian Schaub

Der Autor

Fabian Schaub

Coach für kindheitliche Prägungsmuster und Gestaltcoach, Nürnberg. Über 500 bezahlte Einzelsitzungen in 18 Monaten, über 2.500 Stunden eigene Ausbildung, Ausbilder gemeinsam mit Daniel Doray. Länger Single als in Beziehung, heute verlobt. Die ganze Geschichte

Wenn du das Muster bei dir sehen willst.

Daniel und ich bauen gerade die Community Beziehungsdynamiken. Start ist im Oktober 2026, die Warteliste ist offen.

Die Community Beziehungsdynamiken startet im Oktober 2026, 149 Euro im Monat, monatlich kündbar. Wer auf der Warteliste steht, erfährt es als Erste oder Erster.

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