Fabian Schaub

Blog · Körper und Gefühl · 3 Min. Lesezeit

Warum du dich nicht entscheiden kannst

Du wägst ab, verschiebst, lässt beides offen. Warum Entscheidungsschwäche selten an fehlender Information liegt und was tatsächlich dahinter steht.

Von Fabian Schaub · 12. Juni 2026

Du hast die Argumente aufgeschrieben. Beide Seiten, sauber gegenübergestellt.

Und dann liest du die Liste und weißt es immer noch nicht.

Also verschiebst du. Sammelst noch Informationen. Fragst noch jemanden. Und irgendwann hat sich die Sache von selbst entschieden, meistens nicht so, wie du es gewollt hättest.

Wenn dir das öfter passiert, liegt es nicht an der Information.

Der Denkfehler

Wir behandeln Entscheidungen wie Rechenaufgaben. Genug Daten, saubere Abwägung, Ergebnis.

So funktioniert es aber nicht. Bei jeder wirklichen Entscheidung bleibt ein Rest, den keine Liste auflöst. Sonst wäre es keine Entscheidung, sondern eine Rechnung.

Entscheiden heißt: etwas wählen und etwas anderes aufgeben. Das lateinische Wort dahinter bedeutet abschneiden.

Und genau da liegt bei den meisten das Problem. Nicht beim Wählen. Beim Aufgeben.

Was das mit früher zu tun hat

Zwischen dem zweiten und dem vierten Lebensjahr lernst du, einen eigenen Willen zu haben. Du sagst Nein, du willst selbst, du probierst aus, was passiert, wenn du anderer Meinung bist als jemand, den du liebst.

Wenn das damals gut ging, hast du gelernt: Ich kann wollen, und die Beziehung hält das aus.

Wenn nicht, hast du etwas anderes gelernt. Zum Beispiel, dass ein eigener Wille Ärger bringt. Oder dass die falsche Wahl bestraft wird. Oder dass es sicherer ist, sich an dem zu orientieren, was andere erwarten.

Wer das gelernt hat, hat als Erwachsener keinen leichten Zugriff auf die Frage: Was will ich?

Da ist erst mal nichts. Und in diese Leere kommt dann die Analyse, die Liste, das Abwägen. Nicht weil du besonders gründlich wärst, sondern weil der Kopf einspringt, wo der Impuls fehlt.

Mehr dazu steht in diesem Beitrag.

Die zweite Wurzel: alles offenhalten

Es gibt noch eine Variante, und die hat mit Bindung zu tun.

Solange du dich nicht entscheidest, verlierst du nichts. Beide Optionen bleiben theoretisch da.

Das ist besonders sichtbar bei Menschen, die sich in Beziehungen nicht festlegen. Sie beenden nichts richtig und fangen nichts richtig an. Sie halten die Tür offen.

Wer früh erlebt hat, dass Verluste plötzlich und ohne Vorwarnung kommen, entwickelt genau diese Strategie. Nichts ganz nehmen heißt: nichts ganz verlieren können.

Woran du erkennst, welche Variante bei dir läuft

Wenn du keinen Zugriff auf deinen Willen hast: Du kannst die Vor- und Nachteile beider Seiten perfekt aufsagen und weißt trotzdem nicht, was du willst. Bei der Frage nach deinem Gefühl kommt: Ich weiß es nicht.

Wenn du offenhältst: Du weißt eigentlich, was du willst, und findest immer einen Grund, es noch nicht zu tun. Dieser Grund klingt jedes Mal gut und ist jedes Mal ein anderer.

Was hilft

Nicht mehr Information. Die hast du.

Erstens: die Frage ändern. Statt "Was ist besser?" die Frage "Was möchte ich?" Und dann aushalten, dass zuerst nichts kommt. Der Impuls ist nicht weg, er wurde nur nie gebraucht.

Zweitens: den Körper fragen. Sag dir eine Option laut vor, als wäre sie schon entschieden. "Ich mache das." Und dann achte darauf, was im Körper passiert. Enge oder Weite. Das ist erstaunlich zuverlässig und deutlich schneller als jede Liste.

Drittens: klein anfangen. Entscheide eine Woche lang jeden Tag eine Kleinigkeit nur nach deinem Impuls, ohne abzuwägen. Was du isst, wohin du abends gehst. Das trainiert genau den Zugriff, der fehlt.

Und viertens: Nimm zur Kenntnis, dass es keine risikolose Wahl gibt. Nicht entscheiden ist auch eine Entscheidung, nur eine, bei der jemand anders bestimmt.

Was im Körper passiert, wenn Impulse zurückgehalten werden, steht in diesem Beitrag.

Coaching ist keine Therapie und kein Ersatz für ärztliche Behandlung. Was ich hier beschreibe, sind Muster, wie ich sie in der Arbeit mit Menschen und an mir selbst sehe. Ich kann dir keine Heilung versprechen. Und keine Beziehung.

Fabian Schaub

Der Autor

Fabian Schaub

Coach für kindheitliche Prägungsmuster und Gestaltcoach, Nürnberg. Über 500 bezahlte Einzelsitzungen in 18 Monaten, über 2.500 Stunden eigene Ausbildung, Ausbilder gemeinsam mit Daniel Doray. Länger Single als in Beziehung, heute verlobt. Die ganze Geschichte

Wenn du das Muster bei dir sehen willst.

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