Blog · Prägung · 3 Min. Lesezeit
Bei uns wurde nie gestritten. Und nie umarmt.
Bei euch war es immer friedlich und trotzdem kühl. Warum ein Zuhause ohne Streit dieselben Lücken hinterlassen kann wie eines mit zu viel davon.
Von Fabian Schaub · 27. Juli 2026
Wenn dich jemand nach deiner Kindheit fragt, sagst du: normal. Nichts Schlimmes.
Und das stimmt auch. Es gab keine Gewalt, keinen Alkohol, keine Katastrophe. Es war ruhig.
Aber es war eben auch nichts anderes. Keiner hat laut gestritten und keiner hat laut gelacht. Über Gefühle wurde nicht gesprochen, weil es dazu keinen Anlass gab.
Wenn du dich damit wiedererkennst, hast du wahrscheinlich schon einmal gedacht: Ich habe eigentlich kein Recht, ein Thema zu haben.
Doch, hast du.
Warum Ruhe nicht dasselbe ist wie Sicherheit
Ein Zuhause ohne Streit klingt nach dem Idealzustand.
Es kommt aber darauf an, warum nicht gestritten wurde.
Wenn zwei Menschen sich einig sind und Konflikte ruhig klären, dann ist Ruhe ein gutes Zeichen. Ein Kind lernt dabei: Man kann verschiedener Meinung sein und es bleibt sicher.
Wenn dagegen nicht gestritten wurde, weil niemand etwas Unangenehmes ansprach, lernt ein Kind etwas anderes: Bestimmte Dinge sagt man nicht. Es gibt einen Bereich, den man nicht betritt.
Nach außen sieht beides gleich aus. Innen ist es das Gegenteil.
Was dabei nicht gelernt wird
Drei Dinge, die später fehlen.
Konflikt aushalten. Wenn du nie erlebt hast, dass ein Streit stattfindet und danach alles noch da ist, dann ist jeder Konflikt heute eine Bedrohung. Du weichst aus, du gibst nach, oder du gehst ganz.
Gefühle zeigen. Wenn niemand vorgemacht hat, wie man Traurigkeit oder Wut ausdrückt, hast du kein Vokabular dafür. Nicht weil du nichts fühlst, sondern weil es keinen Weg nach außen gibt.
Gebraucht werden dürfen. In sehr ruhigen Familien wird Bedürftigkeit oft still missbilligt. Man kommt zurecht. Man macht keine Umstände.
Wie sich das heute zeigt
Du bist wahrscheinlich unkompliziert. Andere sagen, du seist ausgeglichen.
Und in Beziehungen passiert eines von zwei Dingen.
Entweder dein Partner sagt irgendwann: Ich weiß nicht, was in dir vorgeht. Du erzählst schon, aber immer das, was passiert ist, nie das, was es mit dir macht.
Oder ihr streitet nie und irgendwann ist die Beziehung leise zu Ende gegangen, ohne dass jemand sagen könnte, wann.
Der zweite Fall ist der häufigere. Beziehungen scheitern nicht am Streit. Sie scheitern an der Stille danach.
Der Unterschied zu einer lauten Kindheit
Wer in einer lauten Familie groß geworden ist, hat oft ein klares Thema und weiß, wo es sitzt.
Bei dir ist es schwerer zu fassen, weil es kein Ereignis gibt. Es gibt nur eine Abwesenheit. Und Abwesenheit hinterlässt keine Erinnerung, an die man sich hängen könnte.
Deshalb hilft die Frage, was passiert ist, hier nicht weiter. Die bessere Frage lautet:
Was hat bei uns nie stattgefunden?
Wer hat wann Nähe gezeigt? Wann wurde jemand laut? Wann hat jemand geweint? Wann hat jemand gesagt, dass er dich lieb hat?
Wenn du auf mehrere dieser Fragen keine Erinnerung findest, hast du dein Thema.
Was du damit machst
Der Weg geht nicht über Reden. Reden kannst du wahrscheinlich gut, das war nie das Problem.
Der Weg geht über Ausdruck. Über das, was im Körper liegt und nie hinaus durfte.
Deshalb arbeiten wir mit Ausdrucksarbeit und nicht nur mit Gesprächen. Was das ist, steht in diesem Beitrag. Und was passiert, wenn Gefühle jahrelang zurückgehalten werden, steht in diesem hier.
Der Anfang kann klein sein. Beim nächsten Mal, wenn dich etwas ärgert, sag den Satz laut: Das ärgert mich. Nicht mehr.
Wenn dir dabei unwohl wird, bist du an der richtigen Stelle.
Coaching ist keine Therapie und kein Ersatz für ärztliche Behandlung. Was ich hier beschreibe, sind Muster, wie ich sie in der Arbeit mit Menschen und an mir selbst sehe. Ich kann dir keine Heilung versprechen. Und keine Beziehung.

Der Autor
Fabian Schaub
Coach für kindheitliche Prägungsmuster und Gestaltcoach, Nürnberg. Über 500 bezahlte Einzelsitzungen in 18 Monaten, über 2.500 Stunden eigene Ausbildung, Ausbilder gemeinsam mit Daniel Doray. Länger Single als in Beziehung, heute verlobt. Die ganze Geschichte
Wenn du das Muster bei dir sehen willst.
Daniel und ich bauen gerade die Community Beziehungsdynamiken. Start ist im Oktober 2026, die Warteliste ist offen.
Die Community Beziehungsdynamiken startet im Oktober 2026, 149 Euro im Monat, monatlich kündbar. Wer auf der Warteliste steht, erfährt es als Erste oder Erster.
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