Fabian Schaub

Blog · Prägung · 3 Min. Lesezeit

Wenn deine Mutter zu fürsorglich war

Es hat dir an nichts gefehlt, und trotzdem fällt dir Nähe schwer. Warum zu viel Fürsorge dieselbe Lücke hinterlässt wie zu wenig.

Von Fabian Schaub · 22. Juli 2026

Du hast keine schlimme Kindheit gehabt. Im Gegenteil, es hat dir an nichts gefehlt.

Deine Mutter war da. Immer. Sie hat sich gekümmert, sie hat mitgedacht, sie hat Dinge geregelt, bevor du überhaupt gemerkt hast, dass sie zu regeln waren.

Und trotzdem fällt dir heute etwas schwer, das du dir nicht erklären kannst. Enge in Beziehungen. Schwierigkeiten zu wissen, was du eigentlich willst. Oder ein Schuldgefühl, wenn du etwas für dich entscheidest.

Wenn du das kennst, ist das kein Undank. Es hat einen sachlichen Grund.

Warum zu viel dieselbe Lücke lässt wie zu wenig

Das klingt erst mal falsch. Zu viel Fürsorge soll ein Problem sein?

Es geht nicht um die Menge an Liebe. Es geht um einen Schritt, der übersprungen wurde.

Zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr steht eine Frage im Vordergrund: Darf ich ich sein? Das Kind entdeckt seinen eigenen Willen. Es sagt Nein. Es will selbst machen, auch wenn es dabei länger braucht und es schiefgeht.

Genau dieses Schiefgehen ist der Lerninhalt. Ich probiere etwas, es misslingt, ich überlebe es, ich versuche es wieder.

Wenn immer jemand vorher eingreift, findet dieser Schritt nicht statt. Nicht aus Bosheit, sondern aus Liebe. Aber das Ergebnis ist dasselbe: Du hast nicht gelernt, dass du dich auf dich selbst verlassen kannst.

Die zwei Muster, die daraus werden

Du weißt nicht, was du willst. Wenn jemand jahrelang für dich mitgedacht hat, hast du nicht geübt, deinen eigenen Impuls zu bemerken. Heute fragt dich jemand, was du möchtest, und da ist erst einmal nichts. Du sortierst dann nach dem, was für die anderen passt.

Du fühlst dich schuldig, wenn du dich abgrenzt. Wer sich immer aufgeopfert hat, hat unausgesprochen etwas erwartet. Nähe, Loyalität, Dabeibleiben. Und wenn du gehst, dich abgrenzt oder dein eigenes Leben lebst, fühlt sich das an wie ein Verrat, obwohl niemand etwas sagt.

Warum es in Beziehungen eng wird

Zwei Wege sind häufig.

Du suchst jemanden, der weitermacht, wo sie aufgehört hat. Jemanden, der führt, entscheidet, sich kümmert. Am Anfang ist das eine Erleichterung. Nach ein paar Jahren erstickst du daran.

Oder du hältst grundsätzlich Abstand. Weil Nähe für dich mit Vereinnahmung verknüpft ist. Sobald jemand mehr will, geht bei dir ein Fenster zu. Nicht weil du die Person nicht magst, sondern weil dein System Nähe als Verlust deiner selbst gespeichert hat.

Mehr dazu, wie Machtfragen in Beziehungen entstehen, steht in diesem Beitrag.

Das Schwierigste daran

Bei anderen Kindheitsthemen gibt es etwas, worauf man zeigen kann. Hier nicht.

Deine Mutter hat nichts falsch gemacht, jedenfalls nichts, das man aufschreiben könnte. Sie hat sich gekümmert. Wer soll dafür kritisiert werden?

Und genau deshalb bleibt dieses Thema oft jahrzehntelang unangetastet. Es fühlt sich undankbar an, es überhaupt anzusprechen.

Das ist der Punkt, an dem ich das Wichtigste sagen möchte: Es geht nicht um Kritik. Es geht darum, dass ein Lernschritt fehlt. Fehlende Schritte kann man nachholen. Schuld kann man nicht auflösen, deshalb bringt sie nichts.

Der erste Schritt

Er ist unspektakulär und für viele überraschend schwer.

Triff jeden Tag eine kleine Entscheidung nur nach deinem eigenen Impuls. Was du isst. Wie du deinen Abend verbringst. Ob du zusagst.

Nicht abwägen, wer sich freuen würde. Nur die Frage: Was will ich?

Bei den meisten kommt zuerst Leere. Das ist normal. Der Impuls ist nicht weg, er wurde nur nie gebraucht.

Und wenn dann Schuldgefühl auftaucht, ist das die alte Stelle. Nicht die Wirklichkeit.

Wie du an das Mutterthema herangehst, ohne in Vorwürfe zu kippen, steht in diesem Beitrag.

Coaching ist keine Therapie und kein Ersatz für ärztliche Behandlung. Was ich hier beschreibe, sind Muster, wie ich sie in der Arbeit mit Menschen und an mir selbst sehe. Ich kann dir keine Heilung versprechen. Und keine Beziehung.

Fabian Schaub

Der Autor

Fabian Schaub

Coach für kindheitliche Prägungsmuster und Gestaltcoach, Nürnberg. Über 500 bezahlte Einzelsitzungen in 18 Monaten, über 2.500 Stunden eigene Ausbildung, Ausbilder gemeinsam mit Daniel Doray. Länger Single als in Beziehung, heute verlobt. Die ganze Geschichte

Wenn du das Muster bei dir sehen willst.

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